Ist die Lösung rechtlich oder politisch?
Teilen
Ümit Öztürk
Strategie-Experte
Eine dauerhafte Lösung wird nur durch einen Prozess möglich sein, der sich im Rahmen des Rechts bewegt und durch den politischen Willen umgesetzt wird.
Die weitreichenden Menschenrechtsverletzungen und insbesondere die sich um die KHK-Prozesse herum entwickelnden Ungerechtigkeiten in der Türkei in den letzten Jahren haben zwei grundlegende Lösungsansätze hervorgehoben: die rechtliche Lösung und die politische Lösung.
Obwohl diese beiden Ansätze oft als Alternativen zueinander dargestellt werden, wird bei einer tiefergehenden Betrachtung deutlich, dass diese Trennung künstlich ist und eine dauerhafte Lösung nur durch das gemeinsame Wirken beider Bereiche möglich sein wird.
Rechtliche Lösung
Die rechtliche Lösung bedeutet im Wesentlichen die Herstellung von Gerechtigkeit durch innerstaatliche Rechtsmittel, verfassungsrechtliche Überprüfungsmechanismen und internationale Menschenrechtsinstitutionen. Der EGMR, die UN-Mechanismen und andere internationale Institutionen sind in diesem Kontext wichtige Bezugspunkte.
Bei der Untersuchung der Urteile der letzten zehn Jahre zeigt sich, dass viele Gerichtsverfahren erhebliche rechtliche Probleme aufweisen, die Beweisstandards herabgesetzt wurden und Praktiken wie die kollektive Schuldzuweisung weit verbreitet sind.
Obwohl das Recht theoretisch ein mächtiges Instrument ist, kann es ohne politischen Willen in der Praxis wirkungslos bleiben.
Politische Lösung
Der Ansatz der politischen Lösung argumentiert, dass das Problem naturgemäß politischer Natur ist und daher die Lösung über politische Mechanismen erfolgen muss. Instrumente wie Amnestieregelungen, Wiederaufnahmeverfahren, kollektive Wiedergutmachungsmechanismen oder parlamentarische Kommissionen werden direkt durch den politischen Willen ermöglicht.
Eine politische Lösung ohne rechtliche Grundlage ist nicht dauerhaft; sie wird der Willkür preisgegeben und kann zu neuen Ungerechtigkeiten führen.
Hybride Lösung: Die Schnittmenge beider Bereiche
Der größte Fehler in den Diskussionen war oft, rechtliche und politische Lösungen als Alternativen zueinander zu betrachten. Dabei schließen sich diese beiden Bereiche nicht aus, sondern ergänzen sich:
Das Recht – gewährleistet die Legitimität und Dauerhaftigkeit der Lösung.
Die Politik – bestimmt die Umsetzbarkeit der Lösung.
Fehlende strategische Integrität
Ein wichtiges Problem im aktuellen Prozess ist die fehlende strategische Integrität. Obwohl verschiedene Plattformen und Akteure in unterschiedlichen Bereichen Anstrengungen unternehmen, sind diese Bemühungen oft fragmentiert und unkoordiniert. Dies führt zu einem Mangel an gemeinsamer Rhetorik, Unsicherheit in der Öffentlichkeit und einer schwachen Vertretung auf internationaler Ebene.
Fünf Schritte für einen neuen Ansatz
1. Festlegung von Prioritäten: Konzentration auf die kritischsten und symbolträchtigsten Bereiche.
2. Schutz der rechtlichen Errungenschaften: Internationale Entscheidungen bilden die Grundlage für zukünftige Lösungen.
3. Erhöhung des politischen Drucks: Das Thema in der öffentlichen und internationalen Agenda halten.
4. Stärkung institutioneller Strukturen: Koordiniertere und repräsentativere Organisationen.
5. Realistische Ziele: Entwicklung einer Strategie unter der Annahme, dass die Lösung mittel- und langfristig erfolgen wird.
Fazit
Die Lösung der strukturellen Probleme in der Türkei ist weder allein durch das Recht noch allein durch die Politik möglich. Ohne Recht bleibt eine Lösung unsicher, ohne Politik ineffektiv. Die eigentliche Frage ist nicht, diese beiden Bereiche gegeneinander auszuspielen, sondern herauszufinden, wie wir sie in einer sich gegenseitig ergänzenden Beziehung zum Wirken bringen können.
Eine dauerhafte und gerechte Lösung wird nur durch einen Prozess möglich sein, der sich im Rahmen des Rechts bewegt und durch den politischen Willen umgesetzt wird.
Video zum Thema